Deponie Thal: die Vorstadtweiber lassen grüßen

Vor wenigen Monaten noch sind wir alle gebannt vor unseren Fernsehern gesessen und haben ‚die Vorstadtweiber‘, eine der erfolgreichsten österreichischen Serien seit Menschengedenken, verfolgt. Im Mittelpunkt: ein Bauvorhaben, geprägt von Korruption, Betrug und Heimlichtuerei der involvierten Politiker und Großindustriellen. ‚Das ist SO typisch Österreich‘ haben wir uns gegenseitig zugeflüstert. Wenn man einfach nur an die laufenden Verhandlungen aufgrund Betrug und Steuerhinterziehung gegen ehemalige Politiker dieses Landes denkt, ist diese Meinung auch nicht verwunderlich. Doch was, wenn es uns plötzlich selbst betrifft?

Während sich alle Welt auf das Grazer Murkraftwerk konzentriert, werden in Thal still und heimlich 8 ha Wald in einem Landschafts-Schutzgebiet und IG-Luftsanierungsgebiet in eine Baurestmassendeponie umgewidmet und geschlägert. Hier ist etwas faul, und wir sehen genauer hin!

Es ist Freitag, 24.03.2017, 09:50 Uhr und ich mache mich auf den Weg zur Straßensperre vor dem Gasthof Dorrer in Thal. Schon bald würde ich jene Bewohner der unmittelbaren Umgebung der Deponie und der durch den Verkehr stark belasteten Umgebung kennen lernen, die seit Jahren ihre Energie in die Verhinderung dieses Natur-Massakers stecken. Was ich erfahre, ist unfassbar und traurig. Ich glaube, am meisten beschäftigt mich die Tatsache, dass ich so nahe am Geschehen wohne, ohne von all dem gewusst zu haben. Ist alles nur eine Frage der Aufmerksamkeit? Wenn die Medien nicht ausreichend berichten, kann anscheinend Naturzerstörung ihren Lauf nehmen ohne auf die Bedürfnisse von Mensch und Tier Rücksicht zu nehmen. Doch was ist nun genau passiert?

Ein Haus am Waldes-Rand Deponie-Rand

In einem Gemeinderatsbeschluss fällt die Entscheidung, 8 ha landschaftsgeschützten Wald (also 80.000 m2) in eine Baurestmassendeponie umzuwidmen. Die Laufzeit der Deponie soll 20 Jahre betragen. Drei Tage vor der entscheidenden Verhandlung wird die Fläche der beantragten Deponie von 733.000 m3 auf 480.500 m3 reduziert, sodass eine Umweltverträglichkeitsprüfung aus gesetzlicher Sicht nicht mehr gefordert ist. Die Oppositionsparteien erheben das Wort, und verlautbaren, dass sie dem Beschluss zur Umwidmung nie zugestimmt hätten, wenn sie das Ausmaß der Deponie gekannt hätten. Doch es ist zu spät. Der neue Flächenwidmungsplan ist freigegeben und für Bewohner angrenzender Liegenschaften wird klar: das Haus am Waldes-Rand wird bald zum Haus am Rande einer Deponie.

Entstehung der Baurestmassendeponie Thal
© Schutzverein Lebensraum Steinbergstraße
8 ha Wald wurden für die Entstehung der Deponie geschlägert
© Schutzverein Lebensraum Steinbergstraße

Zufahrtsweg Steinbergstraße

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal von meinem Navi von Söding ausgehend über schmalen Kehren der Steinbergstraße zurück nach Graz gelotst wurde, dachte ich gerade „oh Gott, ich habe mich total verfahren!“, als plötzlich die Ortstafel von Graz vor mir auftauchte. Ich hatte eine neue ländliche Seite von Graz und seiner nahen Umgebung entdeckt, die ich noch nicht kannte. Durch Zufall hat es mich nun dauerhaft genau in diese Ecke von Graz verschlagen. Der Steinberg ist mein Viertel, mein Block, meine Hood, yo. Und genau durch eben erwähnte Kehren, wo ein Bus und ein Auto nicht aneinander vorbei kommen, ist nun der Verkehr durch etwa 80 zusätzliche Schwerlastfahrzeuge pro Tag belastet (das bedeutet, man geht von etwa 40 Anlieferungen pro Tag aus, doch der LKW muss ja auch wieder retour, ne?). Diese Verkehrsbelastung trifft natürlich auch die Bewohner an der L301 in Richtung Mooskirchen.

Die gewählte Örtlichkeit für diese Deponie ist also so derart ungünstig, dass mein Misstrauen steigt. Warum wurde die Deponie nicht in einem unbewaldeten Gebiet errichtet, nahe einer Industriezone, mit guter Verkehrsanbindung? Wer profitiert hier?

Das wäre nun vermutlich eine gute Gelegenheit um zu erwähnen, dass sich etwa 6 km Luftlinie von der neuen Deponie entfernt bereits eine weitere Deponie befindet, nämlich in Hitzendorf. Die Bemühungen der Hitzendorfer Bewohner und des Gemeinderates aus dem Deponievertrag auszusteigen, scheiterten an dem durch die Gemeinde nicht finanzierbaren Betrag von unglaublichen 1,5 Mio. Euro. Auch diese Deponie ist also weiterhin in Betrieb.

Unermüdete Gegenwehr der Bewohner

Wer hier profitiert, das fragen sich auch 3.000 andere Personen in meiner Nachbarschaft und bewirken mit ihrer Protestunterschrift im Frühjahr 2013 die Gründung des Vereins ‚Schutzverein Lebensraum Steinbergstraße‘. Die Initiatoren decken auf, informieren die Bewohner, organisieren regelmäßige Straßensperren um die Aufmerksamkeit auf die Zerstörung zu lenken und treten mit Behörden und Politik in Kontakt. Sie alle wissen: geht die Deponie erst einmal in Betrieb, droht das gleiche Szenario wie in Hitzendorf, wo ein Ausstieg einfach finanziell nicht mehr tragbar war.

Was sie als Antwort erhalten? Absagen, Verweise an andere Personen, und Verweise auf spätere Zeitpunkte. Der Bürgermeister von Graz verweist an das Land Steiermark, der Verfassungsgerichtshof an den Verwaltungsgerichtshof und die EU-Kommission prüft. Seit Mai 2014, prüfen sie alle, und in der Zwischenzeit geht die Deponie in Vollbetrieb. Nur die Urteile seitens EU-Kommission und Verwaltungsgerichtshof können noch bewirken, dass die Deponie eingestellt wird, nachdem die lokalen Verantwortlichen offensichtlich nicht einschreiten wollen.

Achtung, Verkehrszählung voraus!

Der Bürgermeister von Graz, Siegfried Nagl, verkündet unlängst, er wolle den LKW-Verkehr durch Graz reduzieren. Ich hätte da eine beneidenswert gute Idee, wo man damit anfangen könnte!

Ein Schreiben der Deponie-Gegner an das Land Steiermark bewirkt zumindest eine Verkehrszählung, um zu beurteilen, ob die Belastung durch den zusätzlichen Schwerverkehr auf der Steinbergstraße für die Bewohner und auch die Straße tragbar ist. Als ich erfahre, dass genau an diesen fünf Tagen die Anzahl der Schwerfahrzeuge die über die Steinbergstraße fahren geringer war, und dann auch noch für zwei Tage die Kamera verschwunden war, kommt mir ein Gedanke:

Wenn ich weiß, dass auf der Autobahn bei Ausfahrt 17 ein Radargerät steht, bremse ich vorher um einer Strafe zu entgehen. Weiß ich es nicht, erfasst das Radargerät die Realität.

Denkt mal drüber nach…

Willkommen auf der Baurestmassendeponie Thal

Wie darf man sich denn nun so eine Deponie vorstellen? Ich belagere die Gründer des Schutzvereins, die sich seit Jahren mit den Geschehnissen rund um die Mülldeponie befassen, mit meinen naiven Fragen.

Nach der Umwidmung wurden die 8 ha Wald geschlägert, die Bodenfläche angeglichen und mit Plastikfolien ausgelegt. Diese sollen vermutlich über die nächsten 20 Jahre verhindern, dass der Müll Einfluss auf unsere Gesundheit nimmt. Bereits auf den Fotos, die mir der Schutzverein Lebensraum Steinbergstraße zur Verfügung stellt, verschwimmen Folie, Wald und Müll ineinander. Spätestens nach den ersten starken Regenfällen, wo auch die ungesicherten Hänge, auf welchen der Müll abgelagert wurde, zu rutschen beginnen, ist nichts mehr am rechten Fleck. Die vorgeschriebene Hangsicherung hatte man wohl vergessen und notdürftig nachgeholt.

Mir fällt eine gewisse Analogie zum Bau des Murkraftwerks auf, wo man bei aller Tragik für die Natur die dem Bau zum Opfer fällt, zumindest soweit an die Tierwelt gedacht hat, dass genaue Untersuchungen und Umsiedelungen der Tiere veranlasst wurden. Nun will ich wissen, ob selbiges auch im betroffenen Waldgebiet für die Deponie passiert ist. Wie ich schon geahnt hatte, wurde hier auf die Tierwelt keinerlei Rücksicht genommen. Die ehemalige Heimat von Fledermäusen, Molchen und Unkenarten – übrigens sämtliche auf der ‚roten Liste‘ und strengstens geschützt ist Geschichte und durch die simplen Drahtzäune kann Wild ungehindert in das Deponiegelände eindringen. Amphibienschutzzäune werden von den anliefernden LKWs einfach platt gefahren. Ich möchte gar nicht weiter nachfragen.

Mangels gesetzlich vorgeschriebener Zäune können Tiere auf die Deponie spazieren und sich verletzen
© Schutzverein Lebensraum Steinbergstraße

Außerdem interessiert mich die Grundwasser-Situation:  Die Deponie befindet sich mitten im Quellgebiet des Doblbachs, also ist die Verunreinigung des Grundwassers im Laufe der kommenden Jahre schon vorprogrammiert. Auch Hausbrunnenanlagen befinden sich in unmittelbarer Umgebung. Die Gutachten werden ignoriert.

Meine abschließende Frage: Was würde denn nun mit der Deponie nach 20 Jahren passieren? Die Antwort wollt ihr vermutlich gar nicht hören:  Zugeschüttet wird sie einfach.  Schwupp und weg. Mir bleibt jedenfalls der Mund offen stehen.

Das Gelände wird angeglichen und mit Plastikfolien ausgelegt
© Schutzverein Lebensraum Steinbergstraße
Ausmaß der Deponie Thal
© Schutzverein Lebensraum Steinbergstraße

Die neue Serienstaffel: Flächenwidmungsplan, Version 5

Damit die Politik unserem Vergleich mit den Vorstadtweibern auch gerecht wird, gibt es natürlich eine Fortsetzung der gruseligen Serie: der neue Flächenwidmungsplan spricht in einem Nebensatz von einer (mobilen) Brecheranlage. Das würde bedeuten, dass Baurestmassen nach Thal angeliefert, dort geschreddert und wieder abtransportiert werden würden, was zu einer erneuten, zusätzlichen Verkehrsbelastung führen würde. Von der Geräusch- und Staubentwicklung ganz zu schweigen.

Was wurde aus dem ‚Naherholungsgebiet Thalersee‘ der Stadt Graz?

Bei all den Diskussionen fällt mir ein, dass ich doch vor einigen Jahren in der Zeitung gelesen hatte, dass die Stadt Graz große Pläne für den Thalersee und das angrenzende Restaurant hatte. Ein wundervolles Naherholungsgebiet für die Grazer Bevölkerung und Touristen sollte hier entstehen. Die Berichte darüber sind auch noch auffindbar, zum Beispiel hier. Alleine deswegen hätte ich angenommen, dass sich die Stadt Graz gegen eine Wandlung von Thal zu Deponiegebiet stark machen müsste. Umso mehr verwundert mich die Untätigkeit. Untätig ist man nach dem Kauf der Liegenschaft am Thalersee allerdings auch dort. Nicht einmal der Eislauf-Betrieb war in diesem Jahr trotz der eisigen Temperaturen möglich weil offensichtlich kein Betreiber vor Ort war. Aber das nur am Rande.

Was können wir nun tun?

Wir können gegen die Zerstörung unseres Lebensraums aufstehen und die Aufmerksamkeit darauf lenken um den Entscheidern zu vermitteln, dass sie sich nicht unbeobachtet handeln können und sich an die Regeln zu halten haben.

Durch meinen Beruf sehe ich das ganz klar. Das oberste Ziel eines jeden Unternehmens ist es, die Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen, und die Probleme des Kunden zu lösen. Ich sehe die Bevölkerung als Kunden der Politik und Behörden, die im Falle der Deponie die Betroffenen nicht anhört und ihnen keine Antworten liefert, geschweige denn Lösungen anbietet. Jedes Unternehmen wäre bei dieser Art zu agieren längst in die Insolvenz geschlittert. Umso mehr dürfen wir unsere Augen nicht abwenden, die Fragen nicht einstellen und den Widerstand nicht schmälern. Teilt diese Geschichte mit euren Freunden und Nachbarn um durch geballte Aufmerksamkeit die Initiatoren zu Antworten zu bewegen und die fehlende Unterstützung jener, die die Macht dazu hätten etwas zu bewegen, einzufordern.

Es ist 10:40 Uhr, die Straßensperre ist vorbei. Während ich noch zehn Minuten lang mit den Teilnehmern der Protestaktion plaudere, fahren drei Schwerlastfahrzeuge der Firma Tieber vorbei. Der Fahrer des ersten LKWs hupt die Gruppe an Leuten am Straßenrand an und zeigt den Stinkefinger aus dem Fenster. No further comment.

Der ganze Müll nochmal gepresst

Ich fasse also ganz kurz zusammen: in Thal wurde eine Baurestmassendeponie errichtet.

  • Sie ist gerade so groß, dass keine Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig ist.
  • Es wurde extra ein Wald in einem Landschaftsschutzgebiet umgewidmet um sie errichten zu können.
  • Schutzmaßnahmen für die dort lebende Tierwelt sind leider Fehlanzeige.
  • Den Bewohnern der umliegenden Gemeinden bzw. der Stadt Graz entstehen durch die Deponie keinerlei nennenswerte Vorteile (keine nennenswerten zusätzlichen Arbeitsplätze, keine Belebung der Wirtschaft)
  • Die Zufahrten über Wetzelsdorf und durch die Stadt Graz sind denkbar ungünstig für die Betreiber selbst und die Bewohner der Steinbergstraße bzw. der Stadt Graz allgemein, die ohnehin mit dem Feinstaub zu kämpfen hat.
  • In die Entscheidung involvierte Parteien erheben im Nachhinein den Einspruch, bei Abstimmung im Gemeinderat nicht vollständig informiert gewesen zu sein. Die Deponie geht trotzdem in Betrieb.
  • Gesetzliche Bestimmungen werden von den Deponiebetreibern nicht eingehalten (keine ausreichende Hangsicherung oder Umzäunung)
  • Die Deponie liegt in einem Quellgebiet mit unmittelbaren Folgen für unser Grundwasser.
  • Die zuständigen Behörden und Politiker reagieren nicht und lassen die Bewohner mit ihren berechtigten Sorgen zurück.

Proteste gegen die Baurestmassendeponie Thal

Wie geht es euch bei dieser Geschichte?

Habt ihr schon davon gehört?

Wusstet ihr, dass in unserer Nachbargemeinde diese Zerstörung der Natur im Gange ist, die uns aufgrund der Verschlechterung der Situation mit Feinstaub und Grundwasserqualität so direkt betrifft?

Welche Ideen habt ihr um den Schutzverein bei seinen Rettungsmaßnahmen zu unterstützen?

Die nächste Straßensperre an der Steinbergstraße findet übrigens am 21. April, 10:00 bis 10:30 Uhr vor dem Gasthof Dorrer statt. Lebt euren Hang zum Grünen!

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